Sie werden sich wundern, dass in dieser Ausgabe der ZEIT manches anders ist als sonst. Nicht nur die großen Veränderungen in der Welt haben uns dazu bewogen, sondern auch Veränderungen in unserer Redaktion und unserem Selbstverständnis.
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Unsere Philosophie war lange: Meinungen gestalten statt investigativ zu berichten. Auch wenn wir hin und wieder fundierte Artikel über die Klimakatastrophe oder Ausbeutungsverhältnisse in der globalisierten Wirtschaft brachten, so haben wir uns doch mehr als Teil der Macht verstanden denn als ihr kritischer Gegenpart.
So erklärt es sich auch, dass unsere Chefredakteure und ich als stellvertretender Chefredakteur in zahlreichen Elitezirkeln vertreten waren, die die Öffentlichkeit scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Ich selbst habe seit 1997 an den sogenannten Bilderberg-Konferenzen teilgenommen, in denen sich Persönlichkeiten wie Josef Ackermann, Henry Kissinger, Klaus Zumwinkel, Paul Wolfowitz und viele andere treffen, um darüber zu diskutieren, welches Schicksal sie der Welt zudenken wollen. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit dürfen auch eine Reihe von Medienvertretern dem erlauchten Kreis angehören. Sie sehen: Die Idee der „embedded journalists“ gibt es nicht nur im Irak. Ich habe jedes Jahr teilgenommen und kein einziges Mal darüber berichtet. Heute frage ich mich, wie wir damals zu einer solchen Verletzung von journalistischem Ethos fähig waren.
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Theo Sommer, unser langjähriger Chefredakteur, vertrat DIE ZEIT vor mir in diesem Zirkel. Ein einziges Mal hat er Jahre später im Magazin message etwas dazu gesagt:
„Für Deutschland saßen im Lenkungsausschuss immer zwei Leute: einer, der den intellektuellen Input brachte, der sagte: Das wäre ein Thema, das wäre ein Redner. Und einer, der die Finanzen besorgte, der Fundraising betrieb bei Banken und großen Unternehmen. Lange Zeit war ich der ideelle Part und der finanzielle war Alfred Herrhausen.“
Theo Sommer war außerdem – ebenso wie Helmut Schmidt – regelmäßiger Teilnehmer der trilateralen Kommission, einem weiteren Elitezirkel, etwas weniger geheimniskrämerisch als Bilderberg, aber auch nicht ohne Brisanz. Hier treffen sich EU-Kommissare, Notenbankpräsidenten, Top-Manager von Konzernen wie Carlyle, JPMorganChase, höchstrangige Militärs, BDI-Vertreter usw. Auch darüber haben wir so gut wie nie berichtet.
Natürlich darf man diese Konferenzen nicht überschätzen. Sie sind keine geheime Weltregierung, sondern – ebenso wie die regelmäßigen Treffen in Davos und andere informelle Elite-Treffen – Teil eines Netzwerks, in dem Vertreter von Staat, Kapital und Militär versuchen, ihre Interessen jenseits demokratischer Kontrolle zu koordinieren und geltend zu machen.
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Diese Netzwerke werden zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem, wenn darüber keine Auseinandersetzung statt findet. Wenn diejenigen, die darüber berichten könnten, sich schweigend am Büffet gütlich tun, werden demokratische Prozesse konterkariert.
Für die Redaktion der ZEIT ist es ein Anliegen, mit diesem Schweigen zu brechen und an die Seite der interessierten und wachen Bürgerinnen und Bürgern zurückzukehren. Unsere Aufgabe als Journalisten besteht nicht darin, mit am Tisch zu sitzen, sondern zu berichten und kritische Fragen zu stellen. Das werden wir in Zukunft tun.
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