Konzentriert sitzen sie unter dem Baobab-Baum – eine Webcam-Konstruktion am ausladenden Affenbrotbaum ermöglicht es den Delegierten in Mabo in der Region Kaolack im Senegal, ihre Diskussionsergebnisse in ein weltweites Verfahren einzubringen: damit sind die fünfzig Menschen Teil der ersten weltweiten mehrwöchigen Ernährungskonferenz. Die regionalen Ergebnisse werden von Kontinentalräten gewichtet und abgeglichen.
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Zum Jahreswechsel hatten die jüngsten Zahlen zu Hunger und Mangel-Ernährung weltweit große Betroffenheit hervorgerufen. Die mangelnde Bereitschaft der Industrieländer, ihre Agrarpolitik zu überdenken, ließ die Vereinten Nationen diesen neuen globalen Verhandlungsprozess anstoßen.
Während in Mabo die Abendsonne das Ende der Hitze ankündigt, erläutert eine alte Bäuerin die Weitergabe des besten Saatguts innerhalb der Dorfgemeinschaft. Sie kritisiert das Weitergabe- und Vermehrungsverbot des mittlerweile gängigen – patentierten Saatguts. Die Versammlung ist sich schnell einig: Patente auf Saatgut sind ein Unding und müssen im Rahmen der Welthandelsorganisation ausgeschlossen werden. Gleichlautende Signale gibt es aus Südamerika, aus Asien und sogar aus Europa.
Damit ist die Wahrscheinlichkeit, die WTO im Agrarsektor noch stärker zurückdrängen zu können, gestiegen. Das Ende des WTO-Agrarabkom-mens war eine der ersten Entscheidungen der weltweiten Konferenz. Dieses Abkommen über den Handel mit Agrarprodukten – in der Vergangenheit ein ewiger Zankapfel – zwang viele Länder, ihre Grenzen für Billigprodukte zu öffnen und die Zerstörung der eigenen kleinbäuerlichen Strukturen hinzunehmen. Die mächtigsten Verhandlungspartner, allen voran USA und EU, hatten sich gleichzeitig dem Abbau der eigenen Exportsubventionen und der Öffnung ihrer Grenzen für Importe aus Schwellen- und Entwicklungsländern verweigert.
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Die weltweite Kleinbäuerinnen- Organisation La Via Campesina er-klärte, sie habe auf allen Kontinenten große Zustimmung für ihre Forderung nach Ernährungssouveränität er-halten: Das Recht aller Länder, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen, soll zum Leitfaden der Agrarpolitik werden. Internationalen Handel wird auch künftig nicht ausgeschlossen, die immense Marktmacht weniger großer Agrarhandels- und Agrarchemie-Unternehmen jedoch massiv zurück-gedrängt.
Erbittert streiten vor allem die Teilnehmenden der südamerikanischen Kontinentalkonferenz über die Frage umfassender Landreformen und das Recht auf Zugang zu sauberem Süßwasser. Denn die Bereitschaft der Großgrundbesitzer, Land abzugeben, ist nach wie vor gering.
In Afrika erklären die Menschen einen umstrittenen Vertrag für illegitim. Der südkoreanische Mischkonzern Daewoo hatte ab 2008 für 99 Jahre die Hälfte der Anbauflächen Madagaskars für sich beansprucht. Allein deren Bewässerung für Export-Kulturen hätte die Wasser-Versorgung der madegassischen Bevölkerung weiter verschlechtert, von der Lebensmittel-Knappheit ganz zu schweigen.
Der Ausstieg aus der Agrogentechnik wird ein handfestes Ergebnis der Ernährungskonferenz sein. Die Lösung des schwelenden Konflikts wurde durch den Bankrott des US-Gentechnikriesen Monsanto im September vergangenen Jahres deutlich beschleunigt: Wegen der hohen Schadensersatz-Forderungen aus Mexiko konnte kein neuer Investor gefunden werden. Im Mais-Ursprungsland hatte sich Gen-Mais ausgebreitet und die traditionellen Sorten sowie deren Zucht stark gefährdet. Daraufhin war die Welternährungsorganisation von ihrem „Jein“ zur Gentechnik abgerückt und hatte sich für ein generelles Ende der gentechnischen Manipulation von Pflanzen ausgesprochen. Da Monsanto 90 Prozent des Weltmarktes gentechnisch veränderter Saaten kontrollierte, ist der globale Stopp auch kurzfristig realisierbar.
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Das Organisationskomitee erklärt die dezentrale Entscheidungsfindung für erfolgreich und rechnet mit einer Fortsetzung. Denn weitere drängende Probleme können in den verbleibenden fünf Verhandlungstagen nicht abschließend bearbeitet werden. Dazu gehört die Marktmacht der großen Agrarhandelskonzerne und Lebensmittelketten sowie die Notwendigkeit einer drastischen Reduktion der Agrosprit-Produktion inklusive strenger ökologischer und sozialer Auflagen. Um auch über die Begrenzung von Spekulation mit Agrarrohstoffen entscheiden zu können, sollen an den Handelsplätzen Alternativmodelle diskutiert werden. Klimaschützer drängen auf die Behandlung der Massentierhaltung als Risiko für Welternährung, Klima und Menschenrechte.
In Mabo beenden die Delegierten ihren langen Tag mit einem gemeinsamen Essen. Die alte Bäuerin stimmt ein traditionelles Erntelied an und hofft, dass die Konferenz dazu beiträgt, auch in ihrem Dorf den Hunger zu besiegen.
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